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... Süddeutscher Zynismus, 27. November The Spirit of Now trägt Brille, dicke Gläser, woll- nicht mehr ganz so -weisse Mütze auf struppigem Haar, 9 1/2 Tage bärtiges Gesicht, undefinierbar alt, typisches Attribut einer Daseinsweise: Plastiktüte. Scheucht mich und mein Fahrrad vom verriegelten Eingang, dahinter ausgefallene Einrichtungs- und Dekorationsgegenstände, sprich Antiquitäten. Läßt sich auf der Schwelle nieder, ein Stück Pappkarton sein Thron. Sitzt im strahlenden Frühwinter-Sonnenschein, holt die Zigaretten-Schachtel aus der verbeulten Manteltasche, WEST, so deplaziert neu und aseptisch diese Schachtel wie das pinkfarbene BIG Feuerzeug, steckt sich eine Kippe an und raucht. Wo ist das Kamera-Team, wo der Werbeleiter? Nach Doku-Soap und Reality-TV jetzt Living Advertisement? Bin ich in der sozialkritischen Verkaufskampagne eines Zigarettenkonzerns gelandet? Sieht so das neue Lebensgefühl der 00er aus? Scheiss auf die Schickeria, mach den Oskar und häng deinen gutbezahlten Job an den Nagel, negiere das Wohlstandsethos, reduziere deinen Besitz auf die Größe eines Polyethylenbeutels. Davon können wir Weihnachtseinkäufer und -einkäuferinnen doch nur träumen! Lange Samstage in der Sonne sitzen, keinen Gedanken an überflüssige Geschenkideen verschwenden. Wie gerne würden auch wir uns ein Beobachtungs-Plätzchen an der Straße suchen, ohne Konsumierzwang und Kaufverpflichtung. Nur rumhocken, gucken, gestresste Passanten blöd anmachen, intime Lebensweisheiten brabbeln. Statt dessen: schenke und erfreue. Das Magazin der SZ hilft bei der Präsente-Findung : "Wir haben Ideen für Weihnachten, bei denen wirklich Freude aufkommt." Beispielsweise ein rotes Hundekörbchen für den kleinen Scheisser, 1400 Mark. Für die Tante, die viel verreisen muß den Reissesekretär von Smythson of Bond Street (Preis auf Anfrage). Ebenso auf Anfrage das Handy, das alle Strapazen mitmacht, wasserdicht, stoßfest, lauter als jeder Wasserfall. Und für die kleine Schwester eine kleine Schultasche, damit sie sich von der Spiesser-Clique des humanistischen Gymnasiums absetzt und lernt, daß man den Trends im Leben voranmaschieren muß, um 730 Mark. Das ist die Sache unbedingt wert. Aber halt, haben wir nicht eben erst - siehe oben - gelernt, daß der Trend in Richtung Antishopping geht? Auf der 72sten, nach 71 Seiten Wareneuphorismus, ruft uns dann das Magazin zum Spenden auf. Für die, die es am meisten brauchen. Jungs und Mädels aus Kalkutta. Und das ist doch immer wieder eine prima Geschenkidee: wir schenken heuer nichts, wir spenden. Bosnien, Indien, Erdbebenopfer, Türkei. Die Stiftung ist beim Finanzamt München unter der Steuernummer 848/15752 als gemeinnützig und mildtätig registriert, darf Ihnen also eine Spendenquittung ausstellen... The Spirit of Now? Zynismus? Ein zufriedener Penner? 82. |
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